Leseverhalten online: Warum RSS wichtig bleibt

Heute wird der Google Reader abgeschaltet. Anlass einen Blick auf das heutige Leseverhalten im Netz zu werfen: Woher beziehen die User ihre Nachrichten? Brauchen wir RSS noch? Die systematische “Briefkasten”-Methode des RSS-Readers konkurriert mit Social-Media-Streams.

RSS-SymbolRSS stellt eine Möglichkeit dar, sich die jeweils aktuellsten Beiträge seiner Lieblingsseiten kompakt in einem Programm anzeigen zu lassen, statt die Seiten regelmäßig selbst aufzusuchen. Ein systematisches Vorgehen, Nachrichten und andere Inhalte zu beziehen, quasi die Postfach-Methode: Neues kommt an und bleibt solange dort liegen, bis es gelesen oder zumindest registriert wird.

Dem gegenüber steht das, was ich hier die Stream-Methode nennen möchte. Die ist viel zufälliger: Ich stolpere bei Facebook rein, schaue über die Timeline, bleibe hängen, oder auch nicht. Unterwegs ziehe ich immer mal das Handy raus, um meinen Twitterstream zu checken. Was ich mitbekomme und was nicht ist hier viel zufälliger. Der Stream macht die Informationsflut vermutlich erträglicher als aufgestaute ungelesene Nachrichten.

Der Stream bietet „kuratierte Inhalte“, das heißt: Menschen, denen ich auf Twitter folge, mit denen ich auf Facebook befreundet bin, die ich in meinen Google-Plus-Kreisen versammle, übernehmen die Rolle, die früher Redaktionen hatten. Meine Gatekeeper wähle ich mir selbst. Folgerichtig setzen Tools wie „The Tweeted Times“ Links aus den Streams wiederum zu Seiten im Zeitungs-Layout  zusammen.

Oft unterschätzt: Twitter als Nachrichtenkanal

Es gibt auch Vielleser, die nur über den Stream Nachrichten beziehen. Ich denke an zwei Leute aus meinem Bekanntenkreis, die politisch interessiert und selbst sehr aktiv sind. Wann immer ich sie treffe, diskutieren sie über politische Themen. Ich habe sie vor einiger Zeit gefragt, woher sie ihre Nachrichten beziehen. Ihre Antwort: “Über Twitter”.

Natürlich heißt das nicht, dass sie sich alleine aus 140-Zeichen-Nachrichten informieren, es geht vor allem um die über Twitter geteilten Links. Twitter besteht nicht nur aus Trivialem. Twitter ist das, was Du daraus machst: Dein Stream ist so interessant wie die Leute, denen Du folgst.

Meine beiden Bekannten wissen, dass Ihnen nichts Wichtiges entgeht. Sie vertrauen darauf, dass ihr Netzwerk findet und teilt was sie interessiert. Wichtiges wird sowieso mehrfach thematisiert. Gleichzeitig sind sie selbst Multiplikatoren. Zumindest für Poweruser kann ein Netzwerk wie Twitter die Funktion der News-Aggregation also voll übernehmen.

Macht Social Media RSS überflüssig?

Auch deshalb mutmaßten viele, mit dem Aus des Google Readers werde RSS aussterben.

“It’s time to get completely off RSS and switch to Twitter. RSS just doesn’t cut it anymore.

Andere schimpften über die Ignoranz von Google. Das Unternehmen hat die Einstellung mit dem Rückgang der Nutzerzahlen begründet. Man wolle sich ganz auf wenige Produkte konzentrieren.

Immer mehr Blogs beschäftigten sich seitdem mit alternativen Readern. Seit bekannt ist, dass der Google Reader eingestellt wird, wird der Markt vielfältiger, inzwischen scheint es fast ein kleines RSS-Revival zu geben.

“Aus einem nahezu monopolistischen Markt wird eine vielfältige, von frischem Innovationsdenken geprägte RSS-Landschaft.”

Der RSS-Service Feedly hat zwei Millionen Nutzer hinzugewonnen. AOL entwickelt einen Reader und es gibt Spekulationen über entsprechende Pläne von Facebook. Offenbar gibt es genug Menschen, die weiterhin RSS nutzen wollen.

Keine getrennten Systeme: Über RSS in die sozialen Netzwerke

RSS war schon immer eine Nische und dennoch nicht unbedeutend. Diejenigen, die Nachrichten in den sozialen Kanälen verbreiten, beziehen diese häufig aus RSS-Feeds: Sie gehen bestimmte Quellen systematisch durch, um Interessantes herauszufiltern. Kuratierung bedeutet Sammeln und Weitergeben von digitalen Inhalten zu einem bestimmten Gegenstand. Genau dafür eigenen sich die Feeds.

RSS (Postfach) vs. Social Media (Stream)

RSS vs. Social Media: keine getrennten Systeme der Nachrichtenrezeption

Beliebte RSS-Feeds auf der eigenen Website anzubieten erhöht also die Chance, auch in Social Media mehr Sichtbarkeit zu erhalten. „Postfach“ und „Stream“ sind keine voneinander getrennten Systeme.

Ein amerikanischer Blog stellt die Frage, warum RSS bei Marketern nicht beliebt ist. Seine Beobachtung:

“They were disappointed that they didn’t own their subscribers. […] At least not in the same way that having their email address does.”

Seine Empfehlung: Lasst die Menschen wählen, auf welche Art sie Informationen beziehen wollen. Besser im Geistes des Share-Gedankens handeln und nicht wählerisch sein. Wer Nutzern die Kommunikations-Kanäle vorschreibt, vergrault sie. Eines ist sicher: Die Vorgehensweisen, um Informationen aus dem Netz zu beziehen, werden vielfältiger und damit individueller.

Meine Vermutung: Das schon oft totgesagte RSS wird Standard bleiben. Jede Website, die etwas auf sich hält, sollte aktuelle Inhalte weiterhin als Feed anbieten. Bei der News-Aggregation wird RSS weiterhin eine wichtige Rolle spielen, auch wenn die breite Masse es nicht nutzt. Die Blogosphäre scheint sich inzwischen ziemlich einig zu sein:

“RSS ist tot, lange lebe RSS!”

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